Jul 27

Übungsmaterial – Schriftgröße oft zu klein gewählt

Häufig ist ein Rechtschreibproblem kein Merkproblem, sondern ein Wahrnehmungsproblem. Mira wollte das Wort ‚Ägypten‘ schreiben lernen, was schon ein sehr schwieriges Wort ist. Um sich die Buchstabenabfolge von Wörtern merken zu können, hilft es, sich das Wort genau und gründlich anzusehen. Dazu schreibe ich das Wort groß und deutlich auf. Ich benutze DIN A4-Blätter und schreibe mit einem dicken schwarzen Stift. Es hilft auch, wenn Mira dabei meine langsam ausgeführte Schreibbewegung mit den Augen verfolgen kann. Anschließend bespreche ich die Merkmale des Wortes. Ich sage: „Schau, zuerst kommt ein ‚Ä‘ und dann folgen drei Buchstaben, die unten noch etwas dran haben, die gehen sozusagen in den Keller. Und dann steht da noch ein ‚ten‘. Das ‚ten‘ ist ja nicht so schwer. Das ‚Ä‘ am Anfang muss man sich natürlich merken. Schwierig sind diese drei, die an der zweiten Stelle stehen.“ Ich gebe der Schülerin Zeit. Mira versucht nun, sich die genaue Abfolge visuell einzuprägen. Dann sagt die Schülerin: „Ach ja, das ‚Ä‘ ist wie ein Kapitän, die drei sind alle unten und ‚ten‘ sieht so aus. Ich habe es.“ Damit meint sie: „Ich habe es genau wahrgenommen.“ Ich decke das Wort mit einem weißen Blatt komplett oder auch nur teilweise ab und frage Mira, ob sie das Wort trotzdem – in ihrer inneren Vorstellung – noch hier stehen sehen kann. Dies dauert einige Minuten. Ich decke das Wort so lange auf und ab, bis dies gelingt. Die Schülerin fährt dazu zur Probe die Buchstaben mit dem Finger nach, schreibt in die Luft oder projiziert das Wort innerlich an einer weißen Wand. Die Übung besteht darin, das Wort genau wahrzunehmen und die Wahrnehmung mental abzurufen. Große Schriftgröße hilft, deutliche Augen- und Schreibbewegungen wahrnehmen zu können. Mit so kleinen Wörtern in Schriftgroße Arial 12 oder 14, die Schulbuchverlage in der Regel verwenden, klappt diese Wahrnehmung nicht  so gut.  Früher arbeitete man in der Schule mit Tafeln und unbedrucktem Papier. Die Schreibanfänger konnten die Wörter groß und auf der Fläche verteilt auf ihre Schiefertafeln schreiben. Neue Wörter wurden vom Lehrer in Übergröße an die Tafel gemalt. Aus didaktischen Gründen sollten wir dies heute immer noch tun, auch wenn wir schöne gedruckte Arbeitshefte haben.

Jul 08

Warum visuell trainieren?

Viele wisssenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass so genannte Legastheniker, also Menschen mit Rechtschreibproblemen, in visueller Hinsicht entweder gleich gut wie Nicht-Legastheniker oder sogar besser abschneiden.Wieso dann visuell trainieren? – Eben aus diesem Grund. Wir nutzen diesen unproblematischen Bereich, wir nutzten diese Stärke!

„Um sich ein Wort zu merken, kann ich mir einfach merken, wie es aussieht“, welche

Ulla Kloss visuelle Bewusstheit

Ulla Kloss visuelle Bewusstheit

Erleichterung und Freude diese Erkenntnis bei Kindern und Jugendlichen mit Rechtschreibproblemen häufig auslöst, muss man erlebt haben.Oft setzt ein regelrechtes selbst initiiertes Powerlernen ein. Innerhalb weniger Tage und Wochen werden viele Wörter visuell neu gespeichert und sind dann sicher im Rechtschreibgewissen gespeichert.

Für Kinder und Jugendliche, die auch visuell Probleme haben oder anders ausgedrück, für die die visuelle Merkfähigkeit noch kein trainiertes Gebiet ist, dauert es etwas länger. Nach und nach gewinnen sie jedoch ebenfalls immer mehr Sicherheit und nähern sich langsam, aber mit einem guten sicheren Gefühl dem Niveau ihrer Altersklasse an.

Es leuchtet mir überhaupt nicht ein, dass ein wesentliches Gebiet der Wahrnehmung, das wir für die Beherrschung der Rechtschreibung unbestreitbar wichtig ist, eben die visuelle Wahrnehmung, in vielen Nachhilfeangeboten für rechtschreibschwache Schüler so wenig Beachtung findet. Stattdessen wird das Abhören von Lauten (akustische Wahrnehmung) und das Anwenden von Regeln nach abgehörten Lauten geübt. Das ist sehr umständlich! Beispiel: „Hörst du einen kurzen Vokal in der Stammsilbe und hörst du nach dem kurzen Vokal nur einen Konsonant, dann wird dieser verdoppelt.“ Wie soll man so eine Anweisung beim Schreiben umsetzen? Es ist doch viel einfacher und beim Schreiben ruck zuck umzusetzen,  zu wissen, wie die Wörter aussehen: Teller, Messer, Tasse. Meine Schülerinnen und Schüler sehen das übrigens genauso.

Ulla Kloß

Dez 06

Wie wird eine LRS durch ‚visuelle Bewusstheit‘ korrigiert?

Was ist eine Lese-Rechtschreibstörung (LRS)?

Eine Lese-Rechtschreib-Störung (LRS) besteht im Kern aus einem oder mehreren ungünstigen Abläufen des Lese- oder Schreibprozesses (unbewussten Automatisierungen) im Gehirn.
LRS-Korrektur

Um die Lese-Rechtsschreib-Störung zu beheben, muss der Kern der Störung beseitigt werden. Dies geschieht mit Hilfe einer genauen Analyse des individuellen Lese- und Schreibablaufs und mit Hilfe des Konzepts der visuellen Bewusstheit.
Visuelle Bewusstheit

Wenn man sich etwas merken will, ist man zwangsläufig auf seine Sinne angewiesen. Sehen, Hören, Fühlen, Riechen, Schmecken – was man behalten will, muss im Gehirn an einen dieser fünf Sinne anhängt werden und wird, um es zu erinnern, auch über diesen Sinn wieder abgerufen. Das häufigste Problem bei einer LRS ist die ungünstige Primärverknüpfung zu schreibender Wörter an den Hör-Sinn. Da wir nicht schreiben, wie wir sprechen, kann dies nicht funktionieren. Zum „Recht-Schreiben“ ist visuelle Bewusstheit unablässig. mehr

Aug 18

Video – Wörter sehen

Auf diesem Video zeigt die Schülerin die effektive Art, ihre Augen zu benutzen, um die visuellen Kanäle zu öffnen.

Aug 18

Rechtschreibung kann nicht von der gesprochenen Sprache abgehört werden

Immer wieder begegnet man selbst bei Experten der naiven Vorstellung, man könne es hören, wie deutsche Wörter geschrieben werden müssen. Das Einzige, was es dazu bedürfe, sei langsam und deutlich zu sprechen. So kommen auch die meisten Kinder in meine Praxis mit der Klage: „Ich kann nicht so gut hören.“ oder „Ich höre das nicht so genau.“ Leider – tragischer Weise – ist das jedoch gar nicht möglich. Weiterlesen »

Aug 05

Rechtschreibtraining am BSO – Auszüge aus dem Abschlussinterview mit einem Schüler aus der 11BFIT Juni 2012

Ursprünglicher Fehlerquotient bei über 30%, dann 13%. ¾ Jahr Training, 1x pro Woche Schulzeit.

Ulla Kloß: „Hallo Stefan, wie waren Ihre Erfahrungen mit diesem Rechtschreibtraining?“

Stefan: „Eigentlich gut, weil all die anderen Rechtschreibkurse, die ich gemacht habe, die waren sehr viel anders aufgebaut, sozusagen, die waren nicht so tiefgehend, sozusagen, mehr so pauken, lesen, solche Sachen, also einfach sehr viel anders.“ (grinst)

UK: „Woran haben Sie das gemerkt, dass es tiefgehend war? Oder was meinen Sie genau mit dem Wort „tiefgehend“?

St: „Naja, wir sind die Materie von vielen verschiedenen Seiten aus angegangen. Und haben einfach sehr viele verschiedene Wege genutzt, um uns die Materie zu Gemüte zu führen. Wir haben halt das Buchstabieren gemacht und die Wortbilder angeschaut – ähm, eigentlich haben wir ja immer beides zusammen gemacht, und Sätze geschrieben, und das eben intensiv gemacht. Und (haben) nicht nur die ganze Zeit gepaukt und den Kopf vollgeschlagen bis zum Geht-nicht-mehr, so dass man nur noch verwirrt ist. – Wir haben das einfach, ja ich würde nicht gerade sagen lässig, aber wir haben das einfach ruhig gemacht. Also ruhig, aber doch intensiv, würde ich sagen. Ja.“

UK: „Okay, Sie hatten also den Eindruck, unser Training war intensiv und tiefgehend, aber war es denn für Sie auch effektiv? “

St: „Ja, ich denke schon. Also ich habe gemerkt, dass ich in der letzen Zeit vor allem viel mehr über meine Rechtschreibung nachdenke, und dass ich auch nicht mehr so sehr ‚huddele‘, dass ich mir über die Wörter, die ich schreibe, Gedanken mache und gucke, wie ist das jetzt hier richtig. Dass ich jetzt auch mal einen Zettel zur Hand nehme und das Wort ausprobiere, und gucke wie es richtig ausschaut. – Ich habe auch sehr gemerkt, dass sich meine Rechtschreibung verbessert hat, einfach so durch das intensive Lernen, weil das ist so: diese Art zu lernen geht mehr in das Gehirn hinein, sozusagen, ich weiß nicht genau, wie ich das jetzt beschreiben soll. “ (lacht)

UK: „Wie sicher haben Sie sich beim Schreiben gefühlt, bevor wir angefangen haben miteinander zu arbeiten? Ihre Sicherheit auf der Skala 1 bis 10, – wenn 10 ‚sehr sicher‘ und 1 ‚absolut unsicher‘ bedeutet? “

St: „Oh, Sicherheit? – Also, das war mehr so eine Art Kampf, immer wenn ich etwas geschrieben habe. Sicherheit war da sowieso nicht so ganz da, weil ich die Sachen immer einfach so geschrieben hab. Es war  vielmehr so, ich hab mir gesagt, wenn ich es sowieso nicht so richtig kann, dann lass es einfach so stehen, dann muss das eben so funktionieren. “

UK: „Okay. – Also noch mal die Frage: Sicherheit auf der Skala 1 bis 10, wie hoch war die? “

St: „Also, bis 2, maximal, 1 ½  bis 2, also es gab schon Wörter, die ich schreiben konnte. Ja, wie schon gesagt, ich war mir eigentlich permanent, fast permanent unsicher, ich meine ganz einfache Wörter konnte ich vielleicht, wie ‚Ei‘, da kann man ja nicht viel falsch schreiben. – Ja, so war es.“

UK: „Und wie beurteilen Sie Ihre Rechtschreibsicherheit jetzt?“

St: „Also, ich mache mir jetzt viel mehr Gedanken über die Sachen, nehme mich der Materie mehr an, also nach dem momentanen Stand, jetzt ist es eher so 5, 6, 7 manchmal auch 8 vielleicht, das kommt immer auf die Texte an. “

UK: „ Jetzt hab ich noch mal eine spezielle Frage:  Mein Konzept arbeitet ja mit dieser visuellen Bewusstheit, mit dem inneren Vorstellen von den Wörtern. Wie würden Sie das bewerten, hat das für Sie einen Unterschied gemacht oder war das eher nicht so wichtig? “

St: „Naja, ich denke, wenn das Gehirn so arbeite und wenn man dann, und wenn das nun mal wirklich so ist, dass man das (die Wörter) so im Kopf drin sieht und, wenn man einen schwarzen Hintergrund hat und schwarze Schrift (wie das bei mir war), dann ist es eben weniger gut. Sozusagen, dann hat es schon viele Vorteile, wenn man einen weißen Hintergrund hat und schwarze Schrift  (so wie es jetzt ist).“

UK: „Und merken Sie das beim Schreiben? “

St: „ (überlegt 10 Sekunden) Ich weiß es gar nicht. (überlegt 5 Sekunden) Also es gibt schon Wörter, ich denke schon, dass es Wörter gibt, die mir schon durch dieses visuelle Durchkauen, sag ich jetzt mal, was wir oft gemacht haben, sehr im Kopf geblieben sind, dass die Wörter dann einfach da sind, die sehe ich einfach so in meinem Kopf drin, und dann la la la einfach abschreiben kann, als hätte ich es in meinem Kopf auf einen Spickzettel geschrieben und dann guck ich einfach drauf und kann es abschreiben. “ (lacht)

UK: „La la la ?“

St: „Ja, genau la la la la, die sehe ich dann einfach und dann kann ich die schreiben. “

UK: „ Also da gibt es Wörter. Welche zum Beispiel? “

St: „Ja, zum Beispiel das Wort Gras‘, was ich vorher mit scharfem ß geschrieben habe und jetzt sehe ich das mit einfachem s und dann kann ich es einfach abschreiben. “

UK: „Okay. Das steht dann einfach so im Kopf?“

St: „Ja.“

UK: „Und was würden Sie sagen, was hat am meisten genutzt, von den ganzen Sachen, die wir gemacht haben, also das Wörter-Sehen, Buchstabieren, die Kommas, Verben üben, die Groß- und Kleinschreibung, die Sätze? “

St: „Oh, hm. Wenn ich jetzt mal so drüber nachdenke, dann denke ich, dass es… Dann war es vielleicht tatsächlich dieses visuelle Durchkauen, denn wenn das jetzt Wörter waren, die ich von klein auf irgendwie falsch gelernt hatte, oder irgendwie falsch im Kopf hatte, dass ich die dann einfach umgeändert habe und jetzt einfach die richtigen Bilder in meinem Kopf habe, und dann kann ich sie im Prinzip nicht mehr falsch machen, wenn ich die Bilder so in meinem Kopf habe, ich schreibe sie nur noch ab und kann dabei pfeifen, lachen. “ (lächelt)

UK: „Und ein sicheres Gefühl haben? “

St: „Ganz genau! “

UK: „Gut gesagt. – Sie fühlen sich einigermaßen sicher, obwohl jetzt noch ein bisschen was fehlt?“

St: „Ja, das kann man ja auch noch ausarbeiten. Ich habe ja noch ein bisschen Zeit. Jetzt gehe ich ja erst mal ins Ausland und bis dahin und wenn ich dann wieder in die Schule gehe, dann kann ich ja da noch mal weiter dran arbeiten. “

UK: „Gibt es noch etwas, was Sie noch sagen möchten, etwas, was wichtig wäre, ein Tipp für mich, wenn ich das jetzt noch mal unterrichte?“

St: „Für Sie, hm, ich denke, Sie haben das gut gemacht!“ (grinst)

UK: „Danke schön. – Dann bedanke ich mich für das Gespräch.“

St: „Kein Problem.“